Montréal? C’est pas mal!

Parlez-vous anglais?

Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Ich war drauf vorbereitet. Doch als der Moment dann da ist, wird mir schnell klar, dass ich eben doch nicht wirklich bereit bin.

„Bonjour Monsieur!“, begrüßt mich die Dame auf dem Campground nahe Montréal. Dann fragt sie mich irgendwas auf französisch, englisch kann sie nicht. Eilig krame ich auf meiner Festplatte nach den Schulfranzösisch-Dateien. Im Laufe meiner Reise sind viele Updates im Englischen draufgespielt worden – und wie es scheint, hat das System nicht gebrauchte Files einfach gelöscht. Darunter die jetzt dringend benötigte französisch.exe.

„Oh sorry, I don’t speak french“, muss ich peinlich berührt zugeben. Frau Tholema, wenn Sie das hier lesen, sorry, es lag nicht an ihrem Unterricht. Die französische Sprache ist einfach nicht so meine.

Zum Glück rettet mich ein freundlicher Mitarbeiter des Campgrounds und führt das Gespräch in Englisch fort. Ich hoffe, in Montréal sprechen sie auch diese Sprache.

Dusche am Mont Royal

230 Meter hoch ist der Berg, bzw. eher Hügel, der dieser Stadt in der Provinz Québec ihren Namen gibt. Von dort soll man eine prima Aussicht auf die City haben. Also hinauf. Ein paar dunklere Wolken kündigen einen Wetterwechsel an. Aber die sind noch weit weg.

Zehn Minuten später sind sie da. Und entleeren sich direkt über dem Waldweg, der zum Mont Royal führt. Mit einigen anderen überraschten Wanderern suche ich Schutz unter Bäumen. Schirm? Braucht kein Mensch. Allerdings dauert es keine fünf Minuten bis ich tropfnass bin. Als dann auch noch ein Gewitter mit Blitzen und einem lauten Knall „Hier bin ich!“ schreit, ist der Platz unterm Baum nicht mehr der Allerbeste. Aber wohin? Der Mont Royal ist noch nicht in Sichtweite, Gebäude auch nicht. Oder doch? Ich laufe keine fünf Minuten, da naht Rettung. Ein Zaun präsentiert einen Durchgang.

Rain Shelter

Ich sprinte über den Platz und tatsächlich gibt es hier ein Dach. Hier werde ich erstmal bleiben müssen, schließlich können Gewitter und Regen noch Stunden dauern.

Fünf Minuten später scheint die Sonne. Toll.

After Rain

Kurzer Check der Equipments…Rucksack: nass. Kamera: halbwegs trocken. Laptop: halbwegs trocken. Handy: bisschen nass…Moment, what? Mein Handy gibt vor, zu viel Nässe abbekommen zu haben und erklärt mir auf dem Startbildschirm, dass es sich auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt hat. Alle Apps: gelöscht. Alle Kontakte: gelöscht. Ich versuche gerade einen mittleren Herzklappenabriss zu überspielen, da zeigt das Ding nach einem Neustart wieder der Normalzustand an. Alter…

Du denkst, dieser Geschichte fehlt die Pointe? Hier kommt sie. Ich hatte die ganze Zeit eine Regenjacke im Rucksack – für den Fall, dass mich ein Unwetter überrascht. Hab ich nicht mehr dran gedacht.

„Pardon, Monsieur…où est le Klappsmühle?“

Gut, die Aussicht auf Montreal plus Unwetter ist dann aber nicht so schlecht.

Regenpanorama

Typisch amerikanisch dominieren in Downtown die Hochhäuser.

Mont Real

Nix besonderes also?

Von Engländern und Franzosen

Die Altstadt Montréals hat allerdings nicht mehr viel mit Städten wie Toronto oder Calgary gemein. Hier wird’s europäisch.

Man muss allerdings schon aufmerksam sein, um die beiden schnippisch dreinguckenden Figuren am Rande des Place D’Armes zu bemerken. Es sind „The English Pug & The French Poodle“. Während der englische Mann mit seinem Mops kritisch die französisch geprägte Basilika Notre Dame beäugt…

Pug

…schaut die in Chanel gekleidete französische Dame mitsamt Pudel pikiert zur Bank of Montréal, Symbol englischer Macht.

The Poodle

Die beiden Kunst-Figuren sollen die kulturelle Distanz zwischen English und French Canadiens symbolisieren. Anscheinend ist es also nicht nur die Sprache…

Berührender Prachtbau

Aber nochmal zurück zu Notre Dame. Kirchen sind ja (zusammen mit Fußballstadien) das wohl Faszinierendste, was Menschen bauen können. Dieses Exemplar am Place D’Armes ist, sagen wir, nett anzusehen.

Notre Dame

Schick, aber auch nicht der Burner. Und von innen? Ich habe das Glück, noch die letzten 20 Minuten des (französischsprachigen) Gottesdienstes mitzubekommen. Ein Riesenglück.

Ich habe ja schon viele Kirchen gesehen. In Belgien, in Frankreich, in Schottland, in New York, in Köln. Aber dieses von außen recht unscheinbare Gotteshaus schlägt von innen alles bisher dagewesene.

Notre Dame innen

Sowohl Altarbereich als auch die Orgel erstrahlen in einem absolut faszinierenden Licht.

 

Auch der Gottesdienst selbst trägt zur Atmosphäre bei. Ich verstehe zwar nicht viel (französisch halt), aber am Ende der Predigt umarmen sich plötzlich alle Leute oder geben sich die Hand. Hab ich so auch noch nicht gesehen.

Dann fallen mir die drei Besucher auf der Sitzbank vor mir auf. Offensichtlich ein Vater mit seinen zwei jungen Söhnen. Der Vater kniet schon die ganze Zeit und er scheint irgendetwas in seiner Hand ganz stark festzuhalten. Dann plötzlich beginnt er zu weinen. Warum, weiß ich nicht. Wo etwa ist die Mutter? Alles reine Spekulation. Doch sein Sohn, der neben ihm sitzt, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, merkt sofort, was los ist. Er schließt seinen Daddy in die Arme und wischt ihm mit seinen Fingern die Tränen aus dem Gesicht.

Eine ergreifende Szene.

FatherandSon

So muss Familienzusammenhalt aussehen.

Nicht Paris, aber auch nicht schlecht

Wer durch Old Montréal streift, fühlt sich wie in einer europäischen Stadt. Wie in Paris vielleicht. Nur ohne Eiffelturm. Und ohne Seine. Und ohne Versailles. Naja, eigentlich nicht wie in Paris. Aber ansprechend ist die Altstadt dennoch.

 

Wenn es dämmert, setzt Vieux Montréal interessante Lichtakzente. Hier in einem Markgebäude…

Montreal Marché

Auch die Hafengegend kann sich sehen lassen. Tagsüber und abends locken kleine Buden mit Snacks und Nippes.

Montreal Hafenmarkt

Im Sommer gibt es sogar einen kleinen Stadtstrand. Allerdings hat der nach dem Unwetter geschlossen. Verständlich. Aber für ein letztes Foto von Montréal ist er ein guter Standort.

Montreal Abend

Montréal ist ein Tipp für alle diejenigen, die von Europa nicht genug bekommen können – selbst in Kanada. Für mich geht es weiter nach Québec City. Ein Ort, der noch europäischer ist als Montréal. Und noch viel schöner.

Und wo französisch gesprochen wird.

Merde!

3 Comments on “Montréal? C’est pas mal!

  1. Immer wieder herrlich, Dein humorvoller Schreibstil und sehr interessant, Deine informativen Berichte mit den wundervollen Fotos! Jedes Mal ein Highlight am Morgen, wenn wieder was Neues zu lesen ist!

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  2. Ich war vor sage und schreibe 11 Jahren in Montreal und dachte bis eben immer noch, das sei noch gar nicht so lange her. Vor der Hand – und was ich auf Deinen Fotos sehe – scheint sich nicht viel verändert zu haben. So ein tolles Gewitter habe ich jedoch nicht erlebt, ich war Ende April dort, da gab es noch Schnee und eine plötzliche Schneeschmelze bei sagenhaften 30°C. Notre Dame habe ich auch nicht gesehen, ich war in der Kirche am Mont Royal (weiß nicht mehr, wie die heißt), die war ähnlich beleuchtet, sehr modern und geheimnisvoll zugleich. Na, was soll ich sagen? Jetzt bin ich gespannt, was Du aus Québec berichten wirst.

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