Mark, Maggie & Me

Kommen eine Ungarin, ein Amerikaner und ein Deutscher in eine Bar. Klingt wie ein Witz, kommt in New York aber durchaus vor – sogar sehr spontan. Eigentlich will ich nur einen kurzen Stopp in der altehrwürdigen Public Library machen, eine der größten Bibliotheken der Erde. Nicht nur die Architektur ist faszinierend, sondern auch die Ruhe. Hier ist New York tatsächlich einmal still.

Public Library
Sorry, ich habe eine Stecknadel fallen lassen…

Beim Rausgehen will einer der Aufpasser den Inhalt meiner Tasche kontrollieren, doch seine Aufmerksamkeit wird auf meine Schuhe gelenkt. „Adidas!“, erkennt er sofort. „Dieses Modell gibt es hier gar nicht. Woher?“, fragt er. „From Germany“, antworte ich und schon sind wir beim Thema. Eine Frau, die schon etwas länger neben ihm steht, gibt uns im gebrochenen Englisch zu verstehen, dass sie mal in München gearbeitet hat. „Hat München ein Soccerteam?“, fragt mich der Aufpasser. Das muss ich bejahen. „Bayern Munich. The teams that always wins.“ Seine Söhne würden Fußball spielen, erzählt er. Aber nicht im Verein.

Die Frau stellt sich derweil als Maggie vor. Sie sei Hebamme aus Ungarn und habe zeitweise in München und Chemnitz gewohnt. „München, schön aber teuer“, sage ich. „Chemnitz, nicht schön“, sagt sie. Ich glaube ihr. Dann sind wir plötzlich zu viert, weil sich ein Mann mit Mütze dazugesellt und versucht, ein bisschen deutsch zu reden. Er habe eine Zeitlang in Frankfurt gelebt und gearbeitet. Er sei Künstler, fülle Räume mit Klängen und habe sogar im Städel Museum ausgestellt. Ich glaube ihm. Dann gehen wir raus, zu dritt, weil der Aufpasser hinter uns dichtmachen will. Die Public Library schließt. Was die beiden noch vorhätten, frage ich Maggie und Mark. Sie haben keine Pläne, also beschließen wir, noch eine Bar aufzusuchen. Ich mag spontane Leute.

Fündig werden wir im „Havana“ (ooh na-na), ein kubanisches Lokal in der Nähe des Times Square. Mark fragt nach Nachos und wird von der Kellnerin etwas harsch zurecht gewiesen, dass dies doch keine mexikanische Bar sei. Also bestellen Mark und ich einen Cuba Libre, Maggie, die keinen Alkohol trinkt, eine Limonade. 10 Dollar kostet hier der günstigste Cocktail. Die Preise seien ok für New York, sagt Mark. Mark ist 48, trägt Glatze und hat ein sehr freundliches, offenes Wesen. Maggie könnte gut Mitte 40 sein, ist aber schon 51 und beherrscht weder Englisch noch Deutsch besonders gut. Also hört sie meist zu, sagt aber nicht viel. Mark und Maggie heißen eigentlich anders, aber da sie nicht wissen, dass sie in meinem Blog auftauchen, habe ich mich entschieden, weder ihre richtigen Namen noch eines unserer zahlreichen Selfies zu veröffentlichen.

Mark kommt aus Kalifornien, hat seinen Meisterschüler und diverse Soundperformances aber in Frankfurt absolviert. Tatsächlich findet Google einiges über ihn. Er liebe Deutschland, sagt Mark, der in Frankfurt günstig bei einer 92-jährigen Dame wohnen konnte. Er würde gerne wieder zurückkehren. Maggie findet ihre Heimat Ungarn toll, es gebe aber zu wenig Arbeit. Daher sei sie erst nach Deutschland, dann nach Amerika gegangen. Sie kümmert sich hier in New York um eine alte kranke Dame und muss eigentlich um 8 Uhr wieder aufstehen. Aber gehen will sie nicht.

Wir ziehen weiter, Mark schnappt sich die Rechnung und bezahlt. Feiner Zug von ihm. Mein schlechtes Gewissen deswegen soll sich im Laufe des Abends aber noch vestärken. Wir schlendern durchs nächtliche New York Richtung South Manhattan. Dort will uns ein Mark eine coole Bar zeigen. Die Uhr zeigt 23:00. Es geht vorbei am Chrysler Building und am Empire State Building, welches bei Nacht beeindruckender ist als bei Tag.

Empire State Building
Kann alle Farben: Empire State Building

Mark erzählt viel von New York, dass sich viel verändert habe seit dem 11. September, vor allem, was die Sicherheitsmaßnahmen angeht. Und er erzählt vom teilweise mühsamen Leben in der Megacity, von Menschen, die drei oder vier Jobs haben, um über die Runden zu kommen – auch am Wochenende. Das liebe er an Deutschland, sagt Mark. Sonntags käme man zur Ruhe, die Geschäfte hätten geschlossen, den Tag würden sich die Deutschen einfach nehmen. In New York sei das anders. Die Geschäfte hätten immer offen, die Stadt schlafe tatsächlich nie. Verschnaufpausen für die Arbeiter gebe es kaum.

Wir erreichen nach langem Suchen schließlich Marks Bar. Es spielt eine Band, als gäbe es kein Morgen. Rockmusik vom Feinsten. Wir essen Garlic Fries, dazu gibt es Cola für Mark, Wasser für Maggi, Bier für den Deutschen. Ich frage Mark, wo er wohnt. „Gerade nirgendwo“, ist die überraschende Antwort. Eine Wohnung in New York könne er sich nicht leisten. All seine Habseligkeiten seien in einem angemieteten Stauraum, nachts gehe er ins Fitnessstudio, Schlaf brauche er nicht viel. Einmal habe er im Winter im Park übernachtet und sich dann vor Kälte in ein Obdachlosenheim gerettet. Dort habe man ihn aber abgewiesen, weil ihm ein Berechtigungsschein fehlte. Ob er schon mal daran gedacht hätte, einen anderen Job zu machen, als den des Künstlers, will ich von ihm wissen. „Schon oft“, sagt Mark. Aber so einfach sei das nicht. Dann verschwindet er kurz, um sich mit dem Sänger der Rockband zu unterhalten.

Ich bleibe mit Maggie zurück. Eine Unterhaltung mit ihr ist nicht leicht, doch ich erfahre, dass sie drei Kinder in Ungarn hat. „Mit meinem Ex-Mann“, sagt sie. Genauso wie Mark ist Maggie geschieden. Ob sie Kontakt zu ihren Kindern habe, möchte ich wissen. „Nein“, sagt sie und schüttelt dabei den Kopf. Ich bohre nicht weiter nach.

Mark kommt wieder, die Band macht Schluss für heute. Wir verlangen die Rechnung, diesmal bezahle ich. Vor der Bar machen wir noch ein paar Selfies bevor es mit der Subway nach Hause geht. Für Maggie ist das aktuell Long Island, für mich aktuell Queens, für Mark aktuell nirgendwo. Er steigt als erstes aus, er geht noch ins Fitnessstudio. Es ist jetzt 3 Uhr. Zwei Stationen später steigt auch Maggie aus, nicht ohne eine Umarmung (die etwas zu lange dauert) und einer mehrfachen Danksagung für den schönen Abend.

Ich fahre noch sechs Stationen. In meinem Wagen schlafen drei Obdachlose auf den Sitzbänken. Ein vierter zündet sich noch eine Zigarette an, dann legt auch er sich schlafen. Als ich mein Hotelzimmer betrete, fällt mir ein Loch im Socken auf. Ich ärgere mich kurz. Und dann über mich selbst. Denn es gibt wahrlich wichtigere Dinge, die einen aufregen sollten. Dass Menschen in U-Bahnen schlafen müssen. Dass Menschen in New York keine Wohnung bezahlen können. Oder dass Menschen ihre Kinder nicht mehr sehen können. Ich werfe von meinem Hotelzimmer noch einen letzten Blick auf die Queensboro Bridge. Und auf die Stadt, die niemals schläft.

Queensboro

Dann schlafe ich ein.

One Comment on “Mark, Maggie & Me

  1. Sehr einfühlsam,weiter so, die Selfies wären natürlich schön gewesen — aber ohne braucht’s du dein eigenes Kopfkino!

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